Berliner Eingewöhnungsmodell 2026 — Bestandsaufnahme nach 36 Jahren Standardisierung
Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Eva Hédervari haben 1990 ein Modell entwickelt, das heute in fast jeder deutschen Krippe als Standard gilt. Was die fünf Phasen wirklich leisten — und wo das Modell unter den Bedingungen des aktuellen Personalmangels an seine Grenzen stößt.
Wer heute in eine deutsche U3-Krippe kommt, weiß, was ihn erwartet: zwei, drei, manchmal vier Wochen Eingewöhnung. Eine Bezugserzieherin. Eine Bezugsperson des Kindes — Mutter, Vater, gelegentlich Großmutter. Eine vorsichtige Grundphase ohne Trennungsversuche. Dann, am vierten oder fünften Tag, der erste kurze Abschied. Beobachtung der Reaktion. Stabilisierung. Schlussphase. Was wie selbstverständliches Handwerkswissen klingt, ist ein historisch präzise datierbares, theoretisch fundiertes und seit 1990 unter dem Namen Berliner Eingewöhnungsmodell in den deutschen Krippen-Alltag gewanderter Standard. Sechsunddreißig Jahre nach seiner Entwicklung lohnt sich eine genauere Betrachtung — auch und gerade, weil das Modell heute unter Bedingungen umgesetzt werden soll, die seine Schöpfer:innen so nicht vorhergesehen haben.
Die Berliner Krippen-Studie als Ursprung
Das Modell entsteht nicht am Schreibtisch. Es entsteht aus einer empirischen Beobachtung, die Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Eva Hédervari Ende der achtziger Jahre am Institut für angewandte Sozialisationsforschung / Frühe Kindheit (infans) in Berlin durchführen. Die Frage: Wie reagieren Krippenkinder im Alter von ein bis drei Jahren auf den Eintritt in die Krippe, und welche Faktoren beeinflussen, ob diese Reaktion adaptiv oder maladaptiv verläuft? Die Antwort, die das Trio aus der Studie ableitet, ist 1990 in einer ersten Praxis-Handreichung formuliert worden; die breitenwirksame Publikation erfolgt 2004 mit dem Cornelsen-Band „Die ersten Tage — Ein Modell zur Eingewöhnung in Krippe und Tagespflege” (mehrere Auflagen, zuletzt aktualisiert 2011).
Die theoretische Grundlage liegt offen: Bowlbys Bindungstheorie (Attachment and Loss, drei Bände, 1969–1980) und Mary Ainsworths Strange-Situation-Paradigma (1978) bilden den entwicklungspsychologischen Hintergrund. Die zentrale Übersetzung des Trios besteht darin, das Bindungskonzept aus dem klinisch-diagnostischen in das alltagspädagogische Setting zu übertragen — und konkrete, beobachtbare Verhaltensindikatoren für die Frage zu formulieren, wann ein zweijähriges Kind die Trennung von der primären Bindungsperson bewältigt und wann nicht.
Die fünf Phasen — und was sie leisten sollen
Das Modell strukturiert die Eingewöhnung in fünf aufeinanderfolgende Phasen:
Die Vorbereitungsphase (vor der eigentlichen Eingewöhnung) umfasst ein Informationsgespräch zwischen Bezugserzieherin und Eltern, in dem die Anamnese des Kindes, die Familiensituation und die wechselseitigen Erwartungen geklärt werden. Hier wird auch der Eingewöhnungszeitraum verbindlich verabredet — typischerweise vier bis sechs Wochen, in denen die Eltern verfügbar sein müssen.
Die Grundphase (Tag 1 bis 3) sieht eine gemeinsame Anwesenheit von Bezugsperson und Kind in der Gruppe vor, ohne Trennungsversuch. Die Bezugserzieherin agiert vorsichtig kontaktanbietend, ohne sich aufzudrängen. Die Bezugsperson verhält sich passiv-verfügbar — der oft zitierte „sichere Hafen”, von dem aus das Kind die neue Umgebung erkundet.
Der Trennungsversuch am vierten Tag (bei Wochenend-Pausen entsprechend angepasst) ist das diagnostische Kernstück. Die Bezugsperson verabschiedet sich klar und verlässt für höchstens dreißig Minuten den Raum. Das Verhalten des Kindes in dieser Zeit ist der zentrale Indikator: Lässt es sich von der Bezugserzieherin trösten? Spielt es weiter? Oder bricht es in dauerhaftes, untröstliches Weinen aus? Aus dieser Beobachtung leitet sich die weitere Eingewöhnungsdauer ab — eine „kurze” Variante (sechs bis neun Tage) bei zügiger Adaption, eine „lange” Variante (zwei bis drei Wochen bis zur ersten erfolgreichen Trennung) bei vorsichtigerer Adaption.
Die Stabilisierungsphase dehnt die Trennungszeiten schrittweise aus. Die Bezugserzieherin übernimmt sukzessive die Pflegetätigkeiten (Wickeln, Füttern, Schlafbegleitung). Die Bezugsperson zieht sich aus dem Gruppenraum zurück, bleibt aber in der Einrichtung erreichbar.
Die Schlussphase beginnt, wenn das Kind die Bezugserzieherin als sichere Basis akzeptiert hat. Die Bezugsperson ist nicht mehr in der Einrichtung anwesend, bleibt aber telefonisch verfügbar. Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind im Trennungsmoment kurz protestieren kann, sich aber von der Bezugserzieherin schnell trösten lässt und stabil in die Gruppenaktivität zurückfindet.
Die diagnostischen Kriterien für den Trennungsversuch
Der theoretisch heikelste Punkt des Modells ist die Frage, woran genau die Pädagog:innen erkennen sollen, dass das Kind die Trennung „nicht bewältigt”. Laewen und Kolleg:innen orientieren sich hier an Bowlbys Distress-Signal-Hierarchie: Protest (lautes Weinen, körperliche Such-Bewegungen) gilt als angemessene Bindungsreaktion und ist erwartbar. Erst wenn der Protest in Verzweiflung übergeht (untröstliches, anhaltendes Weinen über zwanzig Minuten) oder in Erstarrung / Apathie umschlägt (das Kind verstummt, zieht sich zurück, lässt sich nicht erreichen), gilt die Trennung als gescheitert. In diesem Fall holen die Eltern das Kind zurück — und die Eingewöhnung wird mit einer verlängerten Grundphase neu aufgesetzt.
Diese diagnostische Schwelle ist seit drei Jahrzehnten Gegenstand von Fachdiskussionen. Die Kritik, die Margarete Blank-Mathieu und andere früh formuliert haben: Die Beobachtung der „zwanzig Minuten untröstliches Weinen” sei in der Praxis kaum trennscharf von „heftigem, aber nachlassendem Protest” zu unterscheiden, und sie überfordere die diagnostische Kompetenz einer Berufsanfängerin im Gruppendienst.
Das Modell setzt eine diagnostische Sicherheit voraus, die in den meisten Krippen-Teams nicht vorhanden ist. Die Folge ist eine Zwei-Klassen-Praxis: Teams mit erfahrener Leitung führen das Modell als das durch, was es sein soll — Teams mit hoher Personalfluktuation reduzieren es auf ein zeitliches Raster. — Margrit Stamm, in: „Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung”, Haupt-Verlag, Bern, 2024
Die Implementations-Realität unter Personalmangel-Druck
Hier liegt der wunde Punkt der heutigen Berliner-Modell-Praxis. Das Modell setzt Bedingungen voraus, die in vielen Einrichtungen 2026 nicht mehr selbstverständlich sind:
Erstens die personale Kontinuität. Eine Bezugserzieherin, die das Kind durch alle fünf Phasen führt, ist in Krippen mit hoher Fluktuation, häufigen Kurzzeitausfällen und schwer besetzbaren Springer-Stellen nicht garantiert. Der Bertelsmann-Ländermonitor frühkindliche Bildungssysteme weist seit 2018 systematisch darauf hin, dass die Fachkraft-Kind-Relation in U3-Gruppen in fast allen Bundesländern unter dem wissenschaftlich empfohlenen Wert von 1:3 liegt. Im Bundesschnitt liegt sie 2024 bei 1:4,2 — in einzelnen Ländern bis 1:5,4. Unter diesen Bedingungen ist die exklusive Begleitung einer Eingewöhnung durch eine konstante Bezugserzieherin oft nicht durchhaltbar.
Zweitens die zeitliche Verfügbarkeit der Eltern. Die vier- bis sechswöchige Begleitphase mit voller Bereitschaft der Bezugsperson setzt ein Arbeitszeitmodell voraus, das vielen jungen Familien nicht zur Verfügung steht. Zwar haben die Eltern in den meisten Bundesländern einen verlängerten Elterngeldbezug bei Teilzeit-Arbeit, aber die gleichzeitige Verfügbarkeit beider Eltern in einem sechswöchigen Eingewöhnungsfenster ist faktisch ein Privileg.
Drittens die kollektiv geteilte Bereitschaft im Team, einen Trennungsversuch abzubrechen, wenn die diagnostischen Kriterien nicht erfüllt sind. In Teams unter struktureller Belastung gibt es einen impliziten Druck, die Eingewöhnung „zu schaffen” — also Trennungsversuche eher fortzusetzen als abzubrechen. Petra Wagner und Kolleg:innen haben in einer qualitativen Studie der ASH Berlin (publiziert 2023 in „Frühe Bildung”, Hogrefe) gezeigt, dass dieser Druck in den Interview-Aussagen der Pädagog:innen offen benannt wird.
Das Münchner Modell als prozessorientierte Alternative
Seit 2009 existiert mit dem Münchner Eingewöhnungsmodell von Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll (Cornelsen, „Anfang gut? Alles besser!”) eine systematische Alternative, die explizit nicht als Phasen-Modell, sondern als prozess- und gruppenorientiertes Konzept aufgesetzt ist. Die zentralen Unterschiede:
Das Münchner Modell verzichtet auf die diagnostische Trennungsversuchs-Logik. Stattdessen wird die Eingewöhnung als gemeinsamer Lernprozess von Kind, Eltern, Bezugserzieherin und Kindergruppe modelliert. Die Gruppe selbst ist Teil des Eingewöhnungssettings — andere Kinder werden als Bindungsressource und als Sozialisationspartner mitgedacht.
Die zeitliche Struktur ist nicht standardisiert. Winner und Erndt-Doll arbeiten mit einer Logik der „Kennenlernphase”, „Sicherheitsphase” und „Vertrauensphase”, deren Dauer dem individuellen Kind und der spezifischen Gruppendynamik überlassen bleibt. Das Modell ist damit flexibler — aber auch weniger praktikabel zu standardisieren, was seine geringere Verbreitung erklärt.
Die fachpolitische Diskussion zwischen beiden Modellen ist seit 2015 weitgehend befriedet. Die Wissenschaftliche Kommission der JFMK hat in ihrem Konzepte-Vergleich 2019 festgestellt, dass beide Modelle den entwicklungspsychologischen Konsensanforderungen genügen und dass die Wahl zwischen ihnen primär eine Frage der konzeptionellen Profilbildung der Einrichtung sei.
Die laufende Diskussion um die Eltern-Begleitstandardzeit
Was sich in den letzten drei Jahren intensiviert hat, ist die Diskussion um die Elternbegleitstandardzeit. Das Berliner Modell sieht in seiner Originalfassung eine vollständige elterliche Begleitbereitschaft über sechs Wochen vor — eine Dauer, die im internationalen Vergleich außerordentlich lang ist und die in der skandinavischen oder französischen Praxis so nicht bekannt ist. Mehrere deutsche Fachverbände, allen voran der paritätische Wohlfahrtsverband und die BAGE, haben seit 2023 angeregt, die Eingewöhnungsstandards an die realen Beschäftigungsbedingungen junger Familien anzupassen — was implizit eine Verkürzung der Standarddauer bedeuten würde.
Die Bindungsforschung hat darauf reservierter reagiert. Karin Grossmann und Klaus E. Grossmann, die deutschen Schlüsselfiguren der Bindungsforschung, haben in einem Beitrag für „Frühe Kindheit” (Zeitschrift der Liga für das Kind, Heft 4/2024) darauf hingewiesen, dass die sechs Wochen kein willkürliches Zeitfenster seien, sondern aus der Beobachtung der Bindungsdynamik bei ein- bis zweijährigen Kindern abgeleitet. Eine Verkürzung der Eingewöhnungsstandards ohne kompensatorische Bedingungsänderungen — höhere Fachkraft-Kind-Relation, längere personale Kontinuität, qualifizierte Eingewöhnungs-Supervision — würde nach Auffassung der Grossmanns das Risiko unzureichend gesicherter Bindungskonstellationen erhöhen.
Was 36 Jahre Modell-Praxis hinterlassen
Das Berliner Eingewöhnungsmodell ist heute der unangefochtene Standard der deutschen U3-Krippen-Praxis. Es hat in dieser Funktion eine bemerkenswerte fachpolitische Leistung erbracht: Es hat die Übergangssituation Krippeneintritt aus der Sphäre des familiären Improvisierens in eine professionell strukturierte, theoretisch fundierte und in Ausbildungscurricula verankerte pädagogische Praxis überführt. Das ist nicht wenig.
Was es 2026 zugleich offenlegt, sind die strukturellen Grenzen seiner eigenen Voraussetzungen. Das Modell setzt Bedingungen voraus — personale Kontinuität, diagnostische Reflexionskompetenz, elterliche Verfügbarkeit —, die in einer wachsenden Zahl von Einrichtungen unter Druck stehen. Die fachpolitische Frage der nächsten Jahre wird sein, ob die Antwort auf diesen Druck eine Modell-Reform oder eine Stärkung der strukturellen Bedingungen ist. Die Stuhlkreis-Redaktion wird die Debatte verfolgen.