Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Bindung · 13 min

Berliner Eingewöhnungsmodell 2026 — Bestandsaufnahme nach 36 Jahren Standardisierung

Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Eva Hédervari haben 1990 ein Modell entwickelt, das heute in fast jeder deutschen Krippe als Standard gilt. Was die fünf Phasen wirklich leisten — und wo das Modell unter den Bedingungen des aktuellen Personalmangels an seine Grenzen stößt.

Wer heute in eine deutsche U3-Krippe kommt, weiß, was ihn erwartet: zwei, drei, manchmal vier Wochen Eingewöhnung. Eine Bezugs­erzieherin. Eine Bezugs­person des Kindes — Mutter, Vater, gelegentlich Großmutter. Eine vorsichtige Grund­phase ohne Trennungs­versuche. Dann, am vierten oder fünften Tag, der erste kurze Abschied. Beobachtung der Reaktion. Stabilisierung. Schluss­phase. Was wie selbstverständliches Hand­werks­wissen klingt, ist ein historisch präzise datierbares, theoretisch fundiertes und seit 1990 unter dem Namen Berliner Eingewöhnungs­modell in den deutschen Krippen-Alltag gewanderter Standard. Sechsunddreißig Jahre nach seiner Entwicklung lohnt sich eine genauere Betrachtung — auch und gerade, weil das Modell heute unter Bedingungen umgesetzt werden soll, die seine Schöpfer:innen so nicht vorhergesehen haben.

Die Berliner Krippen-Studie als Ursprung

Das Modell entsteht nicht am Schreib­tisch. Es entsteht aus einer empirischen Beobachtung, die Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Eva Hédervari Ende der achtziger Jahre am Institut für angewandte Sozialisations­forschung / Frühe Kindheit (infans) in Berlin durchführen. Die Frage: Wie reagieren Krippen­kinder im Alter von ein bis drei Jahren auf den Eintritt in die Krippe, und welche Faktoren beeinflussen, ob diese Reaktion adaptiv oder maladaptiv verläuft? Die Antwort, die das Trio aus der Studie ableitet, ist 1990 in einer ersten Praxis-Handreichung formuliert worden; die breitenwirksame Publikation erfolgt 2004 mit dem Cornelsen-Band „Die ersten Tage — Ein Modell zur Eingewöhnung in Krippe und Tages­pflege” (mehrere Auflagen, zuletzt aktualisiert 2011).

Die theoretische Grundlage liegt offen: Bowlbys Bindungs­theorie (Attachment and Loss, drei Bände, 1969–1980) und Mary Ainsworths Strange-Situation-Paradigma (1978) bilden den entwicklungs­psychologischen Hintergrund. Die zentrale Übersetzung des Trios besteht darin, das Bindungs­konzept aus dem klinisch-diagnostischen in das alltagspädagogische Setting zu übertragen — und konkrete, beobachtbare Verhaltens­indikatoren für die Frage zu formulieren, wann ein zwei­jähriges Kind die Trennung von der primären Bindungs­person bewältigt und wann nicht.

Die fünf Phasen — und was sie leisten sollen

Das Modell strukturiert die Eingewöhnung in fünf aufeinander­folgende Phasen:

Die Vorbereitungs­phase (vor der eigentlichen Eingewöhnung) umfasst ein Informations­gespräch zwischen Bezugs­erzieherin und Eltern, in dem die Anamnese des Kindes, die Familien­situation und die wechsel­seitigen Erwartungen geklärt werden. Hier wird auch der Eingewöhnungs­zeitraum verbindlich verabredet — typischerweise vier bis sechs Wochen, in denen die Eltern verfügbar sein müssen.

Die Grund­phase (Tag 1 bis 3) sieht eine gemeinsame Anwesenheit von Bezugs­person und Kind in der Gruppe vor, ohne Trennungs­versuch. Die Bezugs­erzieherin agiert vorsichtig kontaktanbietend, ohne sich aufzudrängen. Die Bezugs­person verhält sich passiv-verfügbar — der oft zitierte „sichere Hafen”, von dem aus das Kind die neue Umgebung erkundet.

Der Trennungs­versuch am vierten Tag (bei Wochenend-Pausen entsprechend angepasst) ist das diagnostische Kernstück. Die Bezugs­person verabschiedet sich klar und verlässt für höchstens dreißig Minuten den Raum. Das Verhalten des Kindes in dieser Zeit ist der zentrale Indikator: Lässt es sich von der Bezugs­erzieherin trösten? Spielt es weiter? Oder bricht es in dauerhaftes, untröstliches Weinen aus? Aus dieser Beobachtung leitet sich die weitere Eingewöhnungs­dauer ab — eine „kurze” Variante (sechs bis neun Tage) bei zügiger Adaption, eine „lange” Variante (zwei bis drei Wochen bis zur ersten erfolgreichen Trennung) bei vorsichtigerer Adaption.

Die Stabilisierungs­phase dehnt die Trennungs­zeiten schrittweise aus. Die Bezugs­erzieherin übernimmt sukzessive die Pflege­tätigkeiten (Wickeln, Füttern, Schlaf­begleitung). Die Bezugs­person zieht sich aus dem Gruppen­raum zurück, bleibt aber in der Einrichtung erreichbar.

Die Schluss­phase beginnt, wenn das Kind die Bezugs­erzieherin als sichere Basis akzeptiert hat. Die Bezugs­person ist nicht mehr in der Einrichtung anwesend, bleibt aber telefonisch verfügbar. Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind im Trennungs­moment kurz protestieren kann, sich aber von der Bezugs­erzieherin schnell trösten lässt und stabil in die Gruppen­aktivität zurückfindet.

Die diagnostischen Kriterien für den Trennungs­versuch

Der theoretisch heikelste Punkt des Modells ist die Frage, woran genau die Pädagog:innen erkennen sollen, dass das Kind die Trennung „nicht bewältigt”. Laewen und Kolleg:innen orientieren sich hier an Bowlbys Distress-Signal-Hierarchie: Protest (lautes Weinen, körperliche Such-Bewegungen) gilt als angemessene Bindungs­reaktion und ist erwartbar. Erst wenn der Protest in Verzweiflung übergeht (untröstliches, anhaltendes Weinen über zwanzig Minuten) oder in Erstarrung / Apathie umschlägt (das Kind verstummt, zieht sich zurück, lässt sich nicht erreichen), gilt die Trennung als gescheitert. In diesem Fall holen die Eltern das Kind zurück — und die Eingewöhnung wird mit einer verlängerten Grund­phase neu aufgesetzt.

Diese diagnostische Schwelle ist seit drei Jahrzehnten Gegenstand von Fach­diskussionen. Die Kritik, die Margarete Blank-Mathieu und andere früh formuliert haben: Die Beobachtung der „zwanzig Minuten untröstliches Weinen” sei in der Praxis kaum trennscharf von „heftigem, aber nachlassendem Protest” zu unterscheiden, und sie überfordere die diagnostische Kompetenz einer Berufs­anfängerin im Gruppen­dienst.

Das Modell setzt eine diagnostische Sicherheit voraus, die in den meisten Krippen-Teams nicht vorhanden ist. Die Folge ist eine Zwei-Klassen-Praxis: Teams mit erfahrener Leitung führen das Modell als das durch, was es sein soll — Teams mit hoher Personal­fluktuation reduzieren es auf ein zeitliches Raster. — Margrit Stamm, in: „Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung”, Haupt-Verlag, Bern, 2024

Die Implementations-Realität unter Personalmangel-Druck

Hier liegt der wunde Punkt der heutigen Berliner-Modell-Praxis. Das Modell setzt Bedingungen voraus, die in vielen Einrichtungen 2026 nicht mehr selbstverständlich sind:

Erstens die personale Kontinuität. Eine Bezugs­erzieherin, die das Kind durch alle fünf Phasen führt, ist in Krippen mit hoher Fluktuation, häufigen Kurz­zeit­ausfällen und schwer besetzbaren Springer-Stellen nicht garantiert. Der Bertelsmann-Ländermonitor frühkindliche Bildungs­systeme weist seit 2018 systematisch darauf hin, dass die Fachkraft-Kind-Relation in U3-Gruppen in fast allen Bundes­ländern unter dem wissenschaftlich empfohlenen Wert von 1:3 liegt. Im Bundes­schnitt liegt sie 2024 bei 1:4,2 — in einzelnen Ländern bis 1:5,4. Unter diesen Bedingungen ist die exklusive Begleitung einer Eingewöhnung durch eine konstante Bezugs­erzieherin oft nicht durchhaltbar.

Zweitens die zeitliche Verfügbarkeit der Eltern. Die vier- bis sechswöchige Begleit­phase mit voller Bereitschaft der Bezugs­person setzt ein Arbeits­zeit­modell voraus, das vielen jungen Familien nicht zur Verfügung steht. Zwar haben die Eltern in den meisten Bundes­ländern einen verlängerten Eltern­geld­bezug bei Teilzeit-Arbeit, aber die gleichzeitige Verfügbarkeit beider Eltern in einem sechswöchigen Eingewöhnungs­fenster ist faktisch ein Privileg.

Drittens die kollektiv geteilte Bereitschaft im Team, einen Trennungs­versuch abzubrechen, wenn die diagnostischen Kriterien nicht erfüllt sind. In Teams unter struktureller Belastung gibt es einen impliziten Druck, die Eingewöhnung „zu schaffen” — also Trennungs­versuche eher fortzusetzen als abzubrechen. Petra Wagner und Kolleg:innen haben in einer qualitativen Studie der ASH Berlin (publiziert 2023 in „Frühe Bildung”, Hogrefe) gezeigt, dass dieser Druck in den Interview-Aussagen der Pädagog:innen offen benannt wird.

Das Münchner Modell als prozess­orientierte Alternative

Seit 2009 existiert mit dem Münchner Eingewöhnungs­modell von Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll (Cornelsen, „Anfang gut? Alles besser!”) eine systematische Alternative, die explizit nicht als Phasen-Modell, sondern als prozess- und gruppen­orientiertes Konzept aufgesetzt ist. Die zentralen Unterschiede:

Das Münchner Modell verzichtet auf die diagnostische Trennungs­versuchs-Logik. Stattdessen wird die Eingewöhnung als gemeinsamer Lern­prozess von Kind, Eltern, Bezugs­erzieherin und Kinder­gruppe modelliert. Die Gruppe selbst ist Teil des Eingewöhnungs­settings — andere Kinder werden als Bindungs­ressource und als Sozialisations­partner mitgedacht.

Die zeitliche Struktur ist nicht standardisiert. Winner und Erndt-Doll arbeiten mit einer Logik der „Kennenlern­phase”, „Sicherheits­phase” und „Vertrauens­phase”, deren Dauer dem individuellen Kind und der spezifischen Gruppen­dynamik überlassen bleibt. Das Modell ist damit flexibler — aber auch weniger praktikabel zu standardisieren, was seine geringere Verbreitung erklärt.

Die fachpolitische Diskussion zwischen beiden Modellen ist seit 2015 weitgehend befriedet. Die Wissenschaftliche Kommission der JFMK hat in ihrem Konzepte-Vergleich 2019 festgestellt, dass beide Modelle den entwicklungs­psychologischen Konsens­anforderungen genügen und dass die Wahl zwischen ihnen primär eine Frage der konzeptionellen Profil­bildung der Einrichtung sei.

Die laufende Diskussion um die Eltern-Begleit­standard­zeit

Was sich in den letzten drei Jahren intensiviert hat, ist die Diskussion um die Eltern­begleit­standard­zeit. Das Berliner Modell sieht in seiner Original­fassung eine vollständige elterliche Begleit­bereitschaft über sechs Wochen vor — eine Dauer, die im internationalen Vergleich außerordentlich lang ist und die in der skandinavischen oder französischen Praxis so nicht bekannt ist. Mehrere deutsche Fach­verbände, allen voran der paritätische Wohlfahrts­verband und die BAGE, haben seit 2023 angeregt, die Eingewöhnungs­standards an die realen Beschäftigungs­bedingungen junger Familien anzupassen — was implizit eine Verkürzung der Standard­dauer bedeuten würde.

Die Bindungs­forschung hat darauf reservierter reagiert. Karin Grossmann und Klaus E. Grossmann, die deutschen Schlüssel­figuren der Bindungs­forschung, haben in einem Beitrag für „Frühe Kindheit” (Zeitschrift der Liga für das Kind, Heft 4/2024) darauf hingewiesen, dass die sechs Wochen kein willkürliches Zeit­fenster seien, sondern aus der Beobachtung der Bindungs­dynamik bei ein- bis zweijährigen Kindern abgeleitet. Eine Verkürzung der Eingewöhnungs­standards ohne kompensatorische Bedingungs­änderungen — höhere Fachkraft-Kind-Relation, längere personale Kontinuität, qualifizierte Eingewöhnungs-Supervision — würde nach Auffassung der Grossmanns das Risiko unzureichend gesicherter Bindungs­konstellationen erhöhen.

Was 36 Jahre Modell-Praxis hinterlassen

Das Berliner Eingewöhnungs­modell ist heute der unangefochtene Standard der deutschen U3-Krippen-Praxis. Es hat in dieser Funktion eine bemerkenswerte fachpolitische Leistung erbracht: Es hat die Übergangs­situation Krippen­eintritt aus der Sphäre des familiären Improvisierens in eine professionell strukturierte, theoretisch fundierte und in Aus­bildungs­curricula verankerte pädagogische Praxis überführt. Das ist nicht wenig.

Was es 2026 zugleich offenlegt, sind die strukturellen Grenzen seiner eigenen Voraussetzungen. Das Modell setzt Bedingungen voraus — personale Kontinuität, diagnostische Reflexions­kompetenz, elterliche Verfügbarkeit —, die in einer wachsenden Zahl von Einrichtungen unter Druck stehen. Die fachpolitische Frage der nächsten Jahre wird sein, ob die Antwort auf diesen Druck eine Modell-Reform oder eine Stärkung der strukturellen Bedingungen ist. Die Stuhlkreis-Redaktion wird die Debatte verfolgen.


Ressort: Bindung §