Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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BiSS-Transfer-Nachfolge 2026 — was nach acht Jahren Sprachförderungs-Konsolidierung bleibt

Das BiSS-Transfer-Programm ist Ende 2025 ausgelaufen. Mit ihm endet die bisher größte Bund-Länder-Initiative der deutschen Sprachbildungs-Forschung. Was die alltagsintegrierte Sprachförderung als Konsensus-Methode wirklich leistet — und wie die Länder die Verstetigung handhaben.

Es war die größte koordinierte Sprachbildungs-Initiative, die der deutsche Bildungs­föderalismus je hervorgebracht hat. Über acht Jahre, von 2017 bis 2025, hat das Bund-Länder-Programm BiSS-Transfer (Bildung durch Sprache und Schrift — Transfer) in fünf Verbünden mit insgesamt rund einhundert­fünfzig Modul­verbünden die alltags­integrierte Sprach­förderung in Kita, Primar- und Sekundar­stufe wissenschaftlich begleitet, evaluiert und in die Regel­praxis übersetzt. Im Dezember 2025 ist das Programm planmäßig ausgelaufen. Was bleibt nach acht Jahren institutionalisierter Sprach­förderungs­arbeit — und was wird aus der Infrastruktur, die in diesen Jahren entstanden ist?

Die Vorgeschichte: BiSS I als Forschungs­programm

Das BiSS-Transfer-Programm ist nicht aus dem Nichts entstanden. Ihm voraus geht das Forschungs­programm BiSS (Bildung durch Sprache und Schrift) der Jahre 2013 bis 2019, das ursprünglich als reine Begleit­forschung der KMK und JFMK angelegt war und sich primär an den Befunden des IGLU- und PISA-Lese­kompetenz-Diagnoses orientierte. BiSS I war methodisch ein evaluatives Programm: Es hat in über sechshundert beteiligten Einrichtungen — Kitas, Grund­schulen, weiter­führenden Schulen — Sprach­förder­konzepte getestet, evaluiert und in einer offenen Konzept-Datenbank dokumentiert. Die wissenschaftliche Leitung lag beim Mercator-Institut für Sprach­förderung und Deutsch als Zweit­sprache der Universität zu Köln und beim Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF, heute Leibniz-Institut für Bildungs­forschung und Bildungs­information).

Das zentrale Ergebnis von BiSS I, das die Nachfolge­konzeption maßgeblich geprägt hat: Die alltags­integrierte Sprach­förderung — verstanden als kontinuierliche, in die regulären Gruppen­aktivitäten eingebettete sprach­bildende Interaktions­qualität — zeigt in der Mehrzahl der untersuchten Studien­designs robustere Wirkungen auf die Sprach­entwicklungs­indikatoren als die additive Sprach­förderung in Klein­gruppen oder Einzel­settings. Dieser Befund ist seit 2019 der weithin geteilte fach­politische Konsens — auch wenn er, wie wir gleich sehen werden, in der konkreten Implementations­logik nicht trivial umzusetzen ist.

BiSS-Transfer 2017–2025: die Implementations-Logik

BiSS-Transfer hat die Aufgabe übernommen, den Forschungs­konsens in die Regel­praxis zu übersetzen. Die Programm­architektur war auf Skalierung ausgelegt: Statt einzelne Einrichtungen zu begleiten, hat das Programm fünf regionale Trans­fer­verbünde gefördert (Nord, Ost, Süd-Ost, Süd-West, West), in denen jeweils Multi­plikatoren-Pools ausgebildet wurden, die ihrerseits Module­verbünde in den Ländern betreut haben. Die Federführung lag beim Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit der KMK; die wissenschaftliche Koordination beim Mercator-Institut.

In der Kita-Säule des Programms standen drei thematische Schwerpunkte im Zentrum: Erzähl- und Vorlese­situationen als Kern der alltags­integrierten Sprach­förderung, Mehr­sprachigkeits­sensible Förderung als Antwort auf die Heterogenität der Sprach­biografien in deutschen Kitas, und Sprach­förder­diagnostik mit dem Ziel, die in Sprach­förder­konzepten verwendeten Diagnostik-Instrumente theorie­basiert auszuwählen und ihre Anwendung zu qualifizieren.

Parallel — und das ist ein zentraler Punkt, an dem die fachpolitische Verwirrung 2026 ansetzt — lief von 2017 bis 2022 das Bundes­programm Sprach-Kitas („Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist”) als drittes, deutlich größeres Förder­programm mit insgesamt rund sechs­tausend­fünf­hundert beteiligten Kitas und einem jährlichen Budget von etwa vier­hundert Millionen Euro. Sprach-Kitas und BiSS-Transfer sind in der Kita-Praxis oft synonym wahr­genommen worden, sind aber zwei verschiedene Programme mit unterschiedlichen Trägern (BMFSFJ vs. BMBF) und unterschiedlichen Wirkungs­logiken (Personal­zuschuss vs. fach­liche Begleit­forschung).

Die BiSS-Evaluations-Befunde 2022 und 2024

Im Frühjahr 2022 hat die wissenschaftliche Koordination einen ersten umfassenden Evaluations­bericht vorgelegt. Die zentralen Befunde wurden im Mercator-Sammelband „Sprach­bildung in der Kita” (Waxmann, Münster, 2022) und in einer Aufsatz­reihe der Zeitschrift „Frühe Bildung” (Hogrefe, Heft 2/2022 und 3/2024) publiziert. Die wichtigste methodisch-theoretische Differenzierung dieser Berichte: Methoden­literatur und Implementations­befunde müssen getrennt diskutiert werden.

Auf der Methoden­ebene bestätigt die BiSS-Evaluation, was BiSS I bereits angedeutet hat: Alltags­integrierte Sprach­förderung mit hoher Interaktions­qualität — operationalisiert durch Maße wie Mean Length of Utterance der Erzieher:innen, Häufigkeit und Qualität von Erweiterungs- und Korrektur­modellen, Häufigkeit dialogischer Vorlese-Sequenzen — zeigt robuste positive Effekte auf rezeptive und produktive Sprach­kompetenz­indikatoren der Kinder. Effekt­stärken liegen in der typischen Größen­ordnung von Cohen’s d zwischen 0,15 und 0,35, was für Bildungs­interventionen in der Frühpädagogik ein respektabler Bereich ist.

Auf der Implementations­ebene sind die Befunde deutlich verhaltener. Die im Programm beobachtete tatsächliche Interaktions­qualität in den teilnehmenden Kitas variiert massiv — und die Varianz ist nicht primär durch die Konzept-Wahl der Einrichtung erklärbar, sondern vor allem durch Strukturqualitäts­merkmale: Fachkraft-Kind-Relation, Team­stabilität, Leitungs-Kontinuität, Vorhanden­sein qualifizierter Multi­plikator:innen. Mit anderen Worten: Die alltags­integrierte Sprach­förderung wirkt — aber nur unter strukturellen Bedingungen, die in der breiten Praxis nicht durchgehend gegeben sind.

Die Methoden funktionieren. Die Frage, ob sie in der Fläche ankommen, ist eine Frage der Struktur­qualität, nicht der Konzeptions­wahl. Das ist die unbequeme Nachricht aus acht Jahren BiSS-Begleit­forschung. — Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, im Interview mit „kindergarten heute” (Herder), April 2025

Die Nachfolge-Diskussion zwischen Bund und Ländern

Mit dem Auslaufen von BiSS-Transfer Ende 2025 steht die Frage der Verstetigung offen. Die Diskussions­linie der vergangenen achtzehn Monate lässt sich grob in drei Positionen sortieren.

Die erste Position, vertreten vor allem von den SPD-geführten Landes-Bildungs­ministerien und vom paritätischen Wohlfahrts­verband, plädiert für eine direkte Bund-Länder-Nachfolge­initiative, die die BiSS-Infrastruktur — Multi­plikator:innen-Netzwerke, Konzept-Datenbank, wissenschaftliche Koordination am Mercator-Institut — als gemeinsame Bund-Länder-Aufgabe verstetigt. Das setzt eine Grundgesetz-konforme Konstruktion voraus, was angesichts der bekannten Föderalismus-Hürden im Bildungs­bereich nicht trivial ist.

Die zweite Position, getragen vor allem von den unions-geführten Ländern, sieht die Aufgabe primär bei den Ländern. Die BiSS-Erkenntnisse seien in die Curricula der Erzieher:innen-Ausbildung und in die Leitungs­fortbildungs­programme zu integrieren; eine fortgesetzte Bund-Länder-Programmatik sei nicht erforderlich. Diese Position wird von der KMK-Geschäfts­stelle in einer Beschluss­vorlage vom November 2025 weitgehend unterstützt.

Die dritte Position, vertreten von den Fach­verbänden GEW, ver.di und vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge, sieht die zentrale Aufgabe in der Struktur­qualitäts­frage. Sprach­förderung im methodischen Sinn sei in der Fach­profession angekommen — was fehle, sei nicht mehr Methoden­wissen, sondern Fachkraft-Kind-Relation und Team­stabilität. Diese Position fordert eine Bund-Länder-Initiative zur Reform der Personal­schlüssel als die eigentliche sprach­förderpolitische Antwort.

Die offene Frage der Sprach-Kitas-Verstetigung

Eine eigene fachpolitische Linie hat die Verstetigungs­frage des Bundes­programms Sprach-Kitas seit 2023. Das Programm war Ende 2022 ausgelaufen; die zusätzlichen Fach­kraft-Stellen (eine halbe zusätzliche Fach­kraft pro teil­nehmender Einrichtung) wurden Anfang 2023 zunächst um sechs Monate, dann um weitere zwölf Monate übergangs­finanziert. Seit dem ersten Quartal 2024 läuft die Übernahme in die Länder-Regel­finanzierung — mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

NRW hat im Frühjahr 2024 angekündigt, die Sprach-Kita-Stellen im Rahmen einer KiBiz-Novelle in die kindbezogene Förderung zu integrieren; die entsprechende Gesetzes­änderung wurde im Sommer 2025 mit Wirkung zum Kita-Jahr 2025/2026 verabschiedet. Bayern hat eine analoge Übernahme über das BayKiBiG umgesetzt, mit einer thematisch enger gefassten „Sprach-Förder­kraft”-Pauschale. Berlin hat im KitaFöG eine Personal­ergänzung verankert, die Sprach- und Inklusions­förderung integriert. Andere Länder — darunter Sachsen, Sachsen-Anhalt und mehrere Stadt­staaten — haben die Stellen nur teilweise oder mit reduziertem Umfang weiter­finanziert. Die Folge ist eine wachsende Ländersp­annung in der Sprach­förder­infrastruktur, die die fach­politische Steuerung erschwert.

Diagnostik-Streit: SISMIK, SELDAK, SETK und die Frage der digitalen Tools

Eine eigene, technisch und fach­ethisch heikle Diskussion läuft seit 2023 um die Frage der Sprach­stand-Erhebungs-Instrumente. Die in der deutschen Kita-Praxis verbreitetsten Verfahren — SISMIK (Sprach­verhalten und Interesse an Sprache bei Migranten­kindern in Kinder­tages­einrichtungen, Ulich/Mayr 2003), SELDAK (Sprach­entwicklung und Literacy bei deutsch­sprachig aufwachsenden Kindern, Ulich/Mayr 2006) und der SETK 3-5 (Sprach­entwicklungs­test für drei- bis fünf­jährige Kinder, Grimm, Hogrefe-Verlag, mehrere Auflagen) — stehen seit längerem unter dem methodischen Vorbehalt, dass sie für die Diagnostik mehr­sprachiger Kinder nur eingeschränkt geeignet seien.

In den vergangenen drei Jahren sind zudem mehrere kommerzielle digitale Sprach­stand-Erhebungs-Tools auf den Markt gekommen, die mit KI-gestützter Spracherkennungs-Technologie arbeiten und eine objektivierte, Erzieher:innen-Belastungs-reduzierte Diagnostik versprechen. Die fach­politische Reaktion ist gespalten. Während Träger­verbände wie der Caritas-Bundes­verband eine vorsichtige Erprobung in Pilot-Einrichtungen begrüßt haben, hat die GEW in einer Stellung­nahme vom September 2025 vor einer „Tool-getriebenen Förder­logik” gewarnt, die das diagnostische Urteil der Pädagog:innen unterlaufe. Eine Bewertung der Tools durch das Institut zur Qualitäts­entwicklung im Bildungs­wesen (IQB) ist für Herbst 2026 angekündigt.

Was bleibt — eine Zwischen­bilanz

Acht Jahre BiSS-Transfer haben die deutsche Sprach­förder­landschaft verändert. Die alltags­integrierte Sprach­förderung als Konsensus-Methode ist in der Fach­profession angekommen — sie ist Teil der curricularen Standards der Erzieher:innen-Ausbildung und der Leitungs­fortbildung. Die wissenschaftliche Diskussions­kultur zwischen Forschung und Praxis ist stabiler geworden; das Mercator-Institut hat sich als institutionelle Mediations­stelle etabliert.

Was bleibt offen, sind die strukturellen Voraussetzungen für die Wirksamkeit. Die BiSS-Evaluation hat gezeigt, dass die Methoden­wirkung von der Implementations­qualität abhängt — und dass die Implementations­qualität nicht primär eine Frage der Konzept-Wahl, sondern eine Frage der Struktur­qualität ist. Dieser Befund schiebt die Diskussion in einen Politik­bereich, der traditionell schwerer zu adressieren ist als die Frage der pädagogischen Methode: in die Bereiche Personal­schlüssel, Vergütung, Team­stabilität, Leitungs-Qualifikation.

Wenn die Nachfolge-Initiative der nächsten Jahre an diesem Befund vorbei­geht, wird sie die acht Jahre BiSS-Transfer in einer wichtigen Hinsicht zu einer Methoden­optimierungs-Episode ohne strukturelle Konsequenzen reduzieren. Wenn sie ihn ernst nimmt, wird sie die schwierigere, aber produktivere Frage stellen müssen — die nach der Struktur­qualität der deutschen Frühpädagogik insgesamt.


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